Antwort auf Matthias Küntzel: „Warum Israel richtig reagiert“, spiegel online, 23.7.2006
„Der Islamismus hat Israel vom Süden und vom im Norden angegriffen.“
Hisbollah und Hamas sind beide islamistisch. Was heißt Islamismus? Das Gerede von einem islamischen Staat ist gerade in Palästina und Libanon Ideologie, Utopie – zu viele Christen. Wobei auch unter den Christen Palästinas die Mehrheit Hamas gewählt hat, und dies bestimmt nicht, um unter islamischen recht als Schutzbürger zweiter Klasse zu leben, sondern aus Gründen des Widerstands gegen westliche Vorherrschaft im Allgemeinen und Israel im speziellen.
„Israels Regierung will Frieden.“
Schlagwort. Jeder will Frieden. Für sich.
„Zum einen erkennt Israel den Libanon als souveränen Staat an, der deshalb für den Überfall der Hizbollah vom 12. Juni 2006 die Verantwortung trägt.“
Dann könnte Olmert doch auch mit Siniora verhandeln. Die Hisbollah ist ein Staat im schwachen Staate Libanon, und das weiß Israel.
„Zum anderen ist Israels Kriegsziel klar definiert: […] a. Umsetzung der UN-Resolution 1559 (Entwaffnung der Hizbollah), b. Umsetzung der UN-Resolution 5241 (alleinige Kontrolle des südlichen Libanon durch die offizielle libanesische Armee), c. bedingungslose Rückgabe der entführten israelischen Soldaten.“
Diese Ziele werden mit der augenblicklichen Strategie nicht erreicht.
c. Die Soldaten werden durch Bombardements nicht befreit. Die Zerstörung der Infrastruktur kann auch nicht dazu dienen, zu verhindern, dass die Entführten aus dem Libanon geschafft werden, denn sie können längst draußen sein.
b. (Küntzel spielt auf Resolution Nr. 1614 an, der Sicherheitsrat hat noch gar keine 5000 Resolutionen herausgegeben.) Die Bombardements stärken den Staat nicht, sie schwächen ihn.
a. Es stimmt, die Hisbollah sollte dringend entwaffnet werden. Nur ist auch dies durch Bombardierungen kaum zu erreichen.
Das sollten die israelischen Strategen wissen, deshalb glaube ich ihnen die genannten Kriegsgründe nicht. Aber was wollen sie dann? Macht demonstrieren?
Und was will eigentlich die Hisbollah erreichen? Will sie auf Weisung von Iran vom Atomstreit ablenken? Will sie ihre innerlibanesische Legitimität als nationaler Widerstand stärken, indem sie die Gefährlichkeit Israels beweist?
Nun folgt ein Totschlagargument meinerseits: Welche Militärstrategie steckt dahinter, im christlichen Viertel Ashrafiye einen Laster mit Medikamenten zu bombardieren?!
„Mit Flugblättern und Radiosendungen wird die libanesische Zivilbevölkerung vor Einsätzen in Wohngebieten gewarnt.“
Aber sie können nicht aus dem Süden fliehen, weil die Autobahnen zerbombt sind.
„Es gebe keine Kunst, schwärmt auch der Patron der Hizbollah, Mahmoud Ahmadinejad, "die schöner, göttlicher und ewiger wäre als die Kunst des Märtyrertods." Nach diesem Motto nimmt die Hizbollah mit ihrer Kriegsführung den Tod nicht nur der Juden sondern auch unzähliger schiitischer Moslems in Kauf. So hat sie ihre Raketen gezielt inmitten schiitischer Wohnviertel platziert. […] Wird die Hizbollah ihre Waffen jemals freiwillig abgeben? Auf keinen Fall!“
Das stimmt, die Kampf-Ideologie ist unerträglich. Nur: Rechtfertigt dies den Tod von über 200 Zivilisten in zehn Tagen? Und rechtfertigt es den Plan, den Libanon um 20 Jahre zurückzuwerfen? Durch die Angriffe werden die Hisbollah-Anhänger nur noch radikaler.
„Nie hatte Israel bessere Voraussetzungen, diese Aufgabe zu erledigen. Je länger es sich hierauf konzentrieren kann, desto größer ist die Aussicht auf einen befriedeten Libanon und einen länger anhaltenden Frieden.“
Ungefähr so groß wie die Aussicht auf einen befriedeten Irak oder was?!
„Darüber hinaus hat mittlerweile auch der libanesische Ministerpräsident Fuad Siniora von der Hizbollah und ihrem Terrorismus distanziert - eine Folge der Schwächung jener Organisation, die ihn bislang erfolgreich unter Druck zu setzen verstand.“
Der Libanon ist in zwei politische Lager gespalten: Die Unterstützer der Kräfte des 14.März mit Siniora und Jumblat an der Spitze und das prosyrische Lager, in dem Nasrallah ein wichtiger Anführer ist. Daher hat sich Siniora seit seinem Amtsantritt durchaus immer wieder von der Hisbollah distanziert – sie ist sein politischer Gegner. Dass sie dennoch zwei Minister stellt, ist dem System Libanons als Konkordanzdemokratie geschuldet.